Gletscherschliff - Zeugen der Gletschereisbewegungen zur Weichsel-Eiszeit auf Fehmarn
Geröllpflaster an der Südküste von Staberhuk
Peter Portalla
portalla(@)freenet.de
Bei einem Spaziergang 2010 fielen mir an einem Strandabschnitt der Südküste der Ostseeinsel Fehmarn eine ungewöhnliche Anzahl von Geschiebe auf, die oben abgeplattet waren und alle auf der gleichen horizontalen Ebene lagen.
Während des Weichsel-Hochglazials schob sich in einem letzten interglazialen Vorstoß (Wandelwitz-Vorstoß) Gletschereis auch über Fehmarn in Richtung Westen. Vor der Entstehung der Grundmoräne, die einen Großteil der Geologie Fehmarns ausmacht, lässt sich dieser letzte Vorstoß des Gletschers in eindrucksvoller Weise an einem kleinen Küstenabschnitt von Staberhuk nachvollziehen. Auf ca. 120m Länge zeigen sich in situ eine große Anzahl an Findlingen mit Gletscherschliff in identischer Schliffausrichtung auf gleicher horizontaler Ebene. Sie lagerten als Steinpflaster auf dem Boden, den das Eis überschritt. Durch das Eis haben sie eine Schleifung und Kantung, aber keine Ortsbewegung erfahren. Die Fließrichtung des Gletschereises ist für den Bereich Fehmarn durch eine Anzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen bekannt. Die Ost-West-Ausrichtung des Schliffes auf den Geschieben korrelieren mit diesen Erkenntnissen.
Durch die Abrasion der Küste ist hier in den letzten Jahren dieser Gletschersohlenhorizont freigelegt worden.
In der Veröffentlichung „Gletscherschrammen auf Fehmarn (Schleswig-Holstein)“ beschreibt G. Seifert unter anderem eine etwas weiter westlich gelegene Stelle. Auch hier findet man einige Geschiebeblöcke, die pflasterartig liegen. Er bezieht sich dabei wiederum auf eine Veröffentlichung von Curt Gagel von der Preußischen Geologischen Landesanstalt, der 1905 von Steinpflastern im nördlichen Wagrien und auf Fehmarn berichtet. G. Seifert hatte 1951 Fehmarn und das Festland aufgesucht und folgende Verbreitung der geschliffenen Steinpflaster aufgelistet:
Fehmarn:
Am Steilufer bei Marienleuchte nordwestlich und südlich der Ufermauer; (teilweise bereits durch Hochwassergeschehen gekippt und verlagert; zudem eine große Anzahl von verbauten Geschiebeblöcke in der östlichen Hafenmole vom Fährbahnhof Puttgarden, Herkunft bisher unbekannt; Stand Okt. 2011/Portalla)
an den Steilufern nördlich und westlich des Leuchtfeuers am Staberhuk; (viele vereinzelte Gerölle mit Gletscherschliff; Stand Okt. 2011/Portalla)
am Steilufer südlich Staberdorf (in Höhe des Meeresspiegels); (wenige Geschiebe annähernd in situ; Stand Okt. 2011/Portalla)
am Steilufer südlich Wulfen (vereinzelte Gerölle); (noch ungeprüft)
am Steilufer beim Leuchtfeuer Struckkamp Huk (in Höhe des Meeresspiegels); (noch ungeprüft)
Eine weitere durch C. Gagel beschriebene Fundposition bei Katharinenhof konnte von G. Seifert nicht mehr aufgefunden werden. (Südöstlich von Katharinenhof sind mehrere Geschiebe mit Gletscherschliff beieinander auffindbar, jedoch größtenteils ebenfalls gekippt oder verlagert; Stand Okt. 2011/Portalla)
Festland:
Am Steilufer westlich Heiligenhafen (stark aufgelockert);
an den Steilufern der Westseite der Halbinsel Großenbrode (nur vereinzelte Hinweise auf das Vorkommen des Pflasters);
an den Steilufern der Halbinsel Großenbrode.
Interpretation zur Entstehung des Steinpflasters
G. Seifert gibt in seinem Artikel zwei Interpretationen zur Diskussion:
a. Die das Pflaster bildenden Gerölle gehören zur unteren Moräne und sind somit, allerdings dann noch ungeschliffenen, vom vorherigen Gletscher beim Abschmelzen dort abgelagert worden, um dam beim erneuten Gletschervorstoß abgeschliffen zu werden.
b. Die Gerölle sind mit dem letzten Gletschervorstoß vom Gletscher mitgeschleppt und in die untere Moräne hineingepresst worden und dann von demselben Gletscher abgeschliffen worden.
Interpretation zur
Fließrichtung:
1. Die jetzige
Fundsituation dokumentiert die letzten beiden großen Eisvorstöße der
Weichseleiszeit für den norddeutschen Raum, wobei der letzte, bezogen auf den
Bereich Fehmarn, ein Vorstoß in Ost-West Richtung bezeugt.
"Im östlichen Wagrien und auf der Insel Fehmarn liegt auf erodiertem saalezeitlichem Untergrund stellenweise nur eine wenige Meter bis gelegentlich wenige Dezimeter starke "Haut" aus Weichsel-Grundmoräne (H.-J. STEPHAN 1994, 1998). Die Bewegung der Eismassen wurde wahrscheinlich immer vom angetroffenen Relief des vergletscherten Gebietes beeinflusst, besonders stark bei verhältnismäßig geringer Eismächtigkeit, also in den Randzonen und besonders beim Eisabbau in der Endphase einer Vergletscherung. In Schleswig-Holstein gilt das insgesamt für die weichselzeitliche Vergletscherung, die deutlich schwächer als die älteren war. " (H.-J. STEPHAN 2003). Die Gletscher bewegten sich zum Teil entlang der glazialmorphologisch überprägten Ostseesenken nach Nord- und Südwesten, über Fehmarn jedoch ziemlich genau und sehr schnell von Osten nach Westen (Abb. 1) (vgl. RUSSOK, C. 2006).
Geländehöhenbestimmungen mit flugzeuggetragenen Laserscannern, durchgeführt im Auftrag des Landesamt für Vermessung und Geoinformation Schleswig-Holstein, zeigen für den Bereich Fehmarn in eindrucksvoller Weise deutliche Strukturen, die auf die Ost-West-Richtung des letzten Gletschervorstoß zurückzuführen sind. Diese Strukturen sind teilweise auf dem Ostseegrund in Fortsetzung zu finden. Im Moment ist leider keine bildliche Veröffentlichung möglich.
Abbildung aus H.-J: Stephan „Der Jungbaltische Gletschervorstoß in Norddeutschland“
Stratigraphische Einordnung
Der letzte große Eisvorstoß aus dem Ostseeraum nach Schleswig-Holstein wird durch die Wandelwitz-Formation charakterisiert, die sich aus den Ablagerungen eines ersten Gletschervorstoßes (Sehberg-Phase) und nach einer Stagnation und Niedertauphase eines zweiten, weniger weit ausgreifenden Vorstoßes (Warleberg-Phase) zusammensetzt. Untergliedert ist sie durch die Sehberg-Subformation als untenliegendes Till (Till ist das Sediment, welches direkt vom Gletscher an seiner Basis abgelagert wird = Grundmoräne) und die Warleberg-Subformation als obenliegendes Till. Auf einem Großteil von Fehmarn liegen Warleberg- und Sehberg-Till untrennbar aufeinander. Als letzte Kaltphase des Weichsel-Hochglazials lässt sich dieses Ereignis anhand von Bohreiskernen aus dem Grönländischen Inlandeis auf folgendes Zeitfenster bestimmen: Sie sind danach jünger als 17 000 a BP und älter als 15 200 a BP (vgl. STUIVER & GROOTES 2000; d18O-Werte aus grönländischem Eiskern). Entsprechende Werte ergaben TL/OSL-Datierungen (Thermolumineszenzverfahren) von Sedimenten bei Brodten (Lübecker Bucht), die während der Abtauphase des bereits stagnierenden jungbaltischen Eises entstanden, einen Mittelwert von 15.000 a BP (PREUSSER 1999),(vergl. STEPHAN, H.-J.: Wandelwitz-Formation. In LithoLex [Online-Datenbank]. Hannover: BGR. Last updated 28.06.2007. [cited 11.12.2011]. Record No. 1006007. Available from: http://www.bgr.bund.de/litholex)
Bei Stephan et al. (1983) werden den Ablagerungen, die heute die sogenannte Jungmoränenlandschaft Ostholsteins (Liedtke, 1981) bilden, fünf Hauptvorstößen (qw1-qw5) des baltischen Inlandeisschildes zugeordnet.
Diese werden nach den jeweiligen Typuslokalitäten benannt:
1. qw1: Brügge-Vorstoß
2. qw2: Bordesholm-Vorstoß
3. qw3: Blumenthal-Vorstoß
4. qw4: Sehberg-Vorstoß
5. qw5: Fehmarn-Vorstoß
Die von den einzelnen Vorstößen abgelagerten bindigen Materialien sind nach Piotrowski (1994) petrophysikalisch kaum unterscheidbar (vgl. Hajnal Borús Dissertation 1999).
siehe auch: Stratigraphische Tabelle von Deutschland 2002 und Schleswig-Holstein
Fotos der aktuellen Fundsituation (2010/2011):

„Gletscherstraße“ in
westlicher Richtung, die identische horizontale Höhe der Geschiebe ist hier gut
zu erkennen.

Blick von der Kliffkante Richtung Westen
Gletscherstraße in ganzer Ausdehnung

Einzelstein mit
Gletscherschliff und Kantung (Eiskanter)
Kleinstes aufgefundenes Geröll, erstaunlicherweise in
identischer Ausrichtung

Hier ist sehr
schön der
gleichgerichtete Gletscherschliff zu erkennen
Geodaten: +54° 24' 16.68"Nord, +11° 17' 4.95"Ost
Weitere Fotos (2011) nordwestlich von Marienleuchte (siehe Punkt 1 der Aufzählung Gletscherschliffe Fehmarn G. Seifert)

Geschiebe mit Gletscherschliff am Strand nordöstlich von Marienleuchte
Verbaute Geschiebe an der Ostmole Fährbahnhof Puttgarden
Literatur:
Borús H. (1999)
. Einsatz geophysikalischer Meßverfahren zur Abschätzung der hydraulischen Durchlässigkeit tonhaltiger Sedimente - ein Beitrag zum Grundwasserschutz. Dissertation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.Liedtke, H.
(1981). Die nordischen Vereisungen in Mitteleuropa. Forsch. z. dt. Landesk. Trier, 204, 308.Gagel, C. (1905): Jahrbuch der Preußischen Geologischen Landesanstalt. Bd. 26, S. 254.
Piotrowski, J.A
. (1994). Waterlain- and lodgement till facies of the lower sedimentary complex from the Dänischer-Wohld-Cliff, Schleswig Holstein, North Germany-In: Warren, W.P.& Croot, D.G.(Hrsg.): Formation and deformation of glacial deposits. A.A. Balkema, Rotterdam.Russok, C. (2006) Prozessspuren in der Landschaft - Aspekte des fluvialen und litoralen Responssystems am Beispiel eines weichseleizeitlich geprägten Landschaftsausschnittes in Schleswig-Holstein (Dissertation)
Schmidtke, K.-D. (1992): Die Entstehung Schleswig-Holsteins. Neumünster 1992.
Seifert, G. (1952): Gletscherschrammen auf Fehmarn (Schleswig-Holstein). Naturwissenschaften. Heft 23 S. 551.
Stephan, H.-J., Kabel, C., & Schlüter, G.
(1983.) Stratigraphical problems in the glacial deposits of Schleswig-Holstein, In: Glacial deposits in North-West-Europe. A.A. Balkema, Rotterdam.Stephan, H.-J. (1994): Der Jungbaltische Gletschervorstoß in Norddeutschland. Schriften des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig-Holstein, Bd. 64, S. 1-5 .
Stephan, H.-J. (2003): Zur Entstehung der eiszeitlichen Landschaft Schleswig-Holsteins in Schriften des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig-Holstein, Bd. 68, S. 101-118.
Text und Fotos: Peter Portalla
Am 15.08.2011 sind die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Umweltrat Fehmarn und das Fehmarnsche Tageblatt informiert worden. Durch Herrn Professor Newig wurde das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (LLUR) und das Museum für Erdgeschichte "Tor zur Urzeit" in Brügge in Kenntnis gesetzt.
Links:
Steffen, H.-J. (1994): Der Jungbaltische Gletschervorstoß in Norddeutschland
Seifert, G. (1952): Gletscherschrammen auf Fehmarn
Darstellung der unterschiedlichen Eisrandlagen
Stratigraphische Tabelle von Deutschland 2002, Deutsche Stratigraphische Kommission (DSK), 2002
Deutschen Stratigraphischen Kommission
Lithostratigraphische Einheiten Deutschlands - Lithographisches Lexikon
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR)
OneGeology's aim is to create dynamic digital geological map data for the world.
Deutsche Gesellschaft für Geowissenschaften
So entstand Schleswig-Holstein - von Thomas Voß (Dipl.-Geologe), Göta Bürkner (Dipl.-Geologin), Dr. Jörg Geldmacher (Dipl.-Geologe) Auch für Nicht-Geologen geeignet